Market-Timing basiert auf der Annahme, dass sich kurzfristige Marktbewegungen systematisch vorhersagen lassen.
Diese Annahme ist strukturell problematisch, da Kapitalmarktrenditen aus einer Kombination von Drift und zufälliger Variation bestehen.
Renditen folgen keinem deterministischen Pfad, sondern einem stochastischen Prozess (wie schon hier beschrieben):
Der entscheidende Punkt liegt weniger in der Formel selbst als in ihrer strukturellen Eigenschaft:
Für breit diversifizierte Aktienindizes wie den S&P 500 ist der Driftterm μ historisch positiv.
Das bedeutet: Der Erwartungswert des Prozesses steigt langfristig über die Zeit.
Daraus folgt unmittelbar:
Je früher Kapital investiert wird, desto höher ist – im Durchschnitt – der erwartete Endwert.
Diese Aussage wirkt fast trivial. Genau darin liegt jedoch ihre Relevanz.
Kapitalmärkte belohnen langfristig nicht primär Aktivität oder Prognosefähigkeit, sondern die dauerhafte Exponierung gegenüber einer positiven Risikoprämie.
Daraus ergibt sich auch die strukturelle Schwierigkeit von Market Timing.
Die entscheidenden Aufwärtsbewegungen sind im Moment ihres Auftretens nicht zuverlässig identifizierbar.
Bereits das Verpassen weniger großer Marktphasen kann den langfristigen Portfolioerfolg erheblich reduzieren.
Die Schlussfolgerung bleibt daher bemerkenswert robust:
Time in the market beats timing the market.
Trotzdem bleibt die Versuchung bestehen, den richtigen Zeitpunkt finden zu wollen. Sie ist menschlich – und sie verschwindet nicht durch Einsicht allein.
Vor diesem Hintergrund lässt sich ein bewusst schlichtes Modell skizzieren, nicht als Antwort, sondern eher als Denkrahmen.

Es betrachtet zwei Größen, die in Stressphasen historisch oft gemeinsam auftreten:
- die Distanz des Marktes zum All-Time-High (als Maß relativer Schwäche)
- die Abweichung des VIX von seinem Normalniveau (als Proxy für wahrgenommenes Stressniveau)
Eine nahe liegende Fragestellung ist, investiere ich eine bestimmte Summe lieber direkt am Anfang des Jahres oder warte ich bis es billiger wird? 2025 und 2026 hätte es funktioniert, gab es doch Phasen in denen der S&P 500 unter seinen Wert am Jahresanfang gefallen war. Der Einfachheit halber wird angenommen, dass man jeweils bis zum ersten Buy Signal wartet und dann investiert.
Diese Systematik ist unten für das Jahr 2020 angewendet worden, und auch hier, Warten hat sich gelohnt:

Also, klar, dann warte ich einfach immer, aber was war zb 2021?

Die oben definierten Regeln haben zu keinem Buy Signal geführt, 2021 war einfach zu ruhig. Man stand also das ganze Jahr an der Seitenlinie und hat dem Markt beim (recht starken) Steigen zugeschaut. Wenn man die beiden Jahre 2020 und 2021 in Summe anschaut wird klar: der relativ kleine Vorteil 2020 wurde von der verpassten Chance 2021 mehr als aufgewogen.
Selbstverständlich ist dieser Timing Versuch kein eindeutiger Beweis, dass ein Timen nicht möglich ist. Es soll eher ein exemplarisches Beispiel für die so oft erfolglosen Versuche sein.
Versuche nicht den Markt zu timen, die Opportunitätskosten (verpasste Renditen) sind zu hoch.
