Um noch besser zu verstehen, wie sich Aktienrenditen dynamisch verhalten, wird im Folgenden der Durchschnitt der Renditen über unterschiedliche Zeiträume betrachtet. Konkret wird untersucht, wie hoch die durchschnittliche Rendite aller positiven und aller negativen Perioden jeweils ausfällt.

Auffällig ist, dass negative Renditen über die kürzeren betrachteten Zeiträume absolut gesehen größer sind als positive Renditen. Der Unterschied ist nicht dramatisch, zeigt sich aber relativ konsistent. Erst bei einem längeren Betrachtungszeitraum von einem Jahr dreht sich dieses Verhältnis.
Das Ergebnis steht zumindest im Einklang mit der langfristigen Risikoprämie von Aktien: Über längere Anlagezeiträume treten positive Aktienrenditen historisch häufiger und in größerem Umfang auf. Die Betrachtung zeigt damit, dass sich die Dynamik von Aktienrenditen mit dem gewählten Zeithorizont verändert.
Das Ergebnis passt auch zu dem subjektiven Eindruck, dass fallende Aktienmärkte zeitweise eine größere Dynamik entwickeln können als steigende. Interessant ist deshalb die Frage, welche Mechanismen eine solche Abwärtsbewegung verstärken können – auch um besonders schlechte Börsenphasen besser einordnen zu können.
Hier kommen zunächst strukturelle Eigenschaften des Marktes ins Spiel. So können Investoren, die mit Fremdkapital beziehungsweise Hebel investiert sind, bei fallenden Kursen gezwungen sein, Positionen zu reduzieren oder zu schließen. Auch bestimmte Ordertypen können Abwärtsbewegungen verstärken. Ein Beispiel sind Stop-Loss-Orders, bei denen das Erreichen eines bestimmten Kursniveaus automatisch einen Verkaufsauftrag auslöst.
Hinzu kommt eine psychologische Eigenschaft des Menschen: Verluste wirken typischerweise stärker als gleich große Gewinne. Die von Daniel Kahneman und Amos Tversky entwickelte Prospect Theory liefert hierfür einen wichtigen Erklärungsansatz. Ihre Wertfunktion ist im Gewinnbereich konkav und im Verlustbereich konvex; zugleich verläuft sie im Verlustbereich steiler als im Gewinnbereich. Ein Verlust wird dadurch stärker bewertet als ein gleich großer Gewinn. Diese asymmetrische Bewertung von Gewinnen und Verlusten wird als Loss Aversion (Verlustaversion) bezeichnet.
Damit treffen bei fallenden Märkten potenziell mehrere Mechanismen aufeinander: Gehebelte Marktteilnehmer können durch fallende Kurse zur Reduzierung ihrer Positionen gezwungen werden, bestimmte Verkaufsorders können weitere Verkäufe auslösen und die unterschiedliche psychologische Bewertung von Gewinnen und Verlusten kann die Reaktion der Anleger beeinflussen.
